Michael Marx

Datenbank früher Handschriften und der Textüberlieferung des Korans

Michael Marx

Unter Mitarbeit von Hadiya Gurtmann, Tobias J. Jocham, Tolou Khademalsharieh und Jens Sauer

Enthält Handschriften des Korans aus folgenden Bibliotheken und Sammlungen:

Darüberhinaus wurden

ausgewertet.

Vorläufige Belege für die Geschichte des Korantextes auf Beschreibstoffen

wie Papyri sind in Form einiger Beispiele aufgenommen. Münzen und Inschriften sollen ebenfalls erfasst werden.

Einleitung

Das Projekt einer Bilddatenbank von Koranhandschriften

Die Datenbank Manuscripta Coranica macht Quellenmaterialien für die frühe Geschichte des Korantexts zugänglich. Erstmalig wird damit durch die Verknüpfung von Datenbankstruktur, Bildmaterialien und Internetauftritt ein online-Katalog zur Überlieferung des Korantextes der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Derzeit handelt es sich um eine sogenannte Beta-Version, die nicht den Anspruch hat, endgültige Ergebnisse zu liefern. Die Angaben zur Datierung der Handschriften und zur Paläographie sind sehr knapp gehalten und enthalten selten neue Forschungsergebnisse. Die Datenbank dient primär dem Zweck, Abbildungen von Handschriften, darunter viele aus dem Gotthelf-Bergsträßer-Photoarchiv, aus öffentlichen und auch einigen privaten Sammlungen zugänglich zu machen. Die Abbildungen werden dabei den Koranversen zugeordnet, die auf dem Textzeugen zu lesen sind. In der ersten Phase des Vorhabens wurden Textzeugen für die Suren 18-21 und 78-114 transliteriert, d.h. aus dem kufischen oder hijazischen Schriftstil in die heute übliche Naskhi-Schrift des Arabischen übertragen. In den vergangenen beiden Jahren sind zahlreiche Koranmanuskriptseiten im Hijazi-Schriftstil (bis 750 n.Chr.) transliteriert worden. Dies ermöglicht es dem Benutzer der Datenbank, den Inhalt der abgebildeten Seite zeilengenau in der modernen Schreibweise des Arabischen nachvollziehen zu können. Vokalzeichen, Diakritika u.a. Zeichen sind in der Transliteration nur dann vorhanden, wenn sie in der Handschriften tatsächlich an der betreffenden Textstelle vorkommen. Abstände zwischen zwei Wörtern werden nicht durch ein Leerzeichen gekennzeichnet, sondern lediglich durch die Schlussform des jeweiligen Buchstabens. In den meisten Fällen war es nicht möglich, die Handschrift selbst zu konsultieren, so dass das Photo in erster Linie die Grundlage für die Transliteration bildete. Sicherlich besteht stellenweise ein mehr oder weniger großer Deutungsspielraum. Zum Transliterationssystem, das das Vorhaben „Corpus Coranicum“ verwendet, finden Sie hier ausführlichere Angaben.

Den Schwerpunkt des Projektmoduls Manuscripta Coranica stellen frühe Koranhandschriften auf Pergament in kufischer und in hijazischer Schrift dar. Neben diesen frühen Textzeugen sollen auch mittelfristig Inschriften, Papyri und Münzen berücksichtigt werden, später auch die ersten Papierhandschriften des Korans. Manuscripta Coranica ermöglicht die Suche von Textzeugnissen über die Auswahl eines Koranverses; eine Auswahl der verfügbaren Abbildungen wird angezeigt. Kurze Angaben zur Handschrift (Format, Zeilenzahl u.a.), Textgliederung und Paläographie mit vorläufigem Charakter werden auf der Dokumentenseite mit angezeigt. In vielen Fällen wird der Verweis auf ein Textzeugnis durch die Abbildung des entsprechenden Teils der Handschrift vervollständigt. Jedoch ist eine Anzeige aufgrund der Abbildungsrechte verschiedentlich noch nicht möglich.

Die Datenbank soll die Grundlage für ein neues Verständnis der Textgeschichte des Korans bilden. Gotthelf Bergsträßer (1886-1933) hatte 1929 erstmalig den Plan eines Apparatus Criticus zum Koran bekannt gegeben, der von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in Gestalt einer Korankommission in die Tat umgesetzt wurde. Nach Bergsträßers tragischem Tod im Zweiten Weltkrieg setzte Otto Pretzl (1893-1941) die Arbeit der Münchener Kommission fort. Pretzls Tod jedoch und die irrige Annahme in der orientwissenschaftlichen Fachwelt, dass das Photoarchiv den Luftangriffen zum Opfer gefallen sei, führten zu einem vorzeitigen Abbruch der Arbeiten an dem Münchener Projekt.

Die Wiederaufnahme der Idee

Im Rahmen des im Jahr 2007 an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften eingerichteten Vorhaben Corpus Coranicum verdankt sich die Einrichtung einer Handschriftendatenbank den Ideen des Gelehrten Gotthelf Bergsträßers. Ein großer Teil der Handschriftenphotos auf Agfa-Film, die Bergsträßer und Pretzl in Istanbul, Kairo, Madrid, Meknes, Paris und Rabat aufgenommen hatten, wird auf diese Weise erstmalig der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Pariser Handschriften der Bibliothèque Nationale sind inzwischen über Gallica (www.gallica.fr) in farbigen Photos zugänglich. Die Koranhandschriften in Hijazi-Schrift aus Istanbul und Kairo sind an ihren Aufbewahrungsorten leider nicht zugänglich und übertreffen in ihrer Zahl auch die im Gotthelf-Bergsträßer-Photoarchiv vorhanden Hijazi-Seiten aus Istanbul und Kairo. Die Handschriftenphotos aus Kairo bieten einen ersten Eindruck der bedeutenden ägyptischen Sammlung, deren Schicksal zur Zeit ungewiss ist. Aus den Istanbuler Sammlungen konnten im Photoarchiv keine Photos der insgesamt ca. 600 fol. Handschriften und Handschriftenfragmente im Hijazi-Schriftstil umfassenden Sammlung des Türk ve İslâm Eserleri Müzesi (Museum für türkische und islamische Kunst) nachgewiesen werden. Von den Istanbuler Handschriften enthält das Gotthelf-Bergsträßer-Filmarchiv - nach bisherigem Stand der Auswertung - nur aus der Sammlung des Topkapı Sarayı einen großen Kodex in Hijazi-Schriftstil. Er scheint der Benennung (ms. Medina 1a) nach ursprünglich aus Medina zu stammen und ist komplett in die Datenbank eingestellt. Das Schicksal des „Kodex Meknes“ in kufischem Schriftstil, der wahrscheinlich von Otto Pretzl 1934 in Meknes photographiert wurde, ist ungewiss, einzelne Blätter sind an unterschiedlichen Orten außerhalb des Königreichs Marokko aufgetaucht. Die Schwarz-Weiß-Bilder zeigen einen fast vollständigen Korankodex in frühem kufischem Stil auf Pergament (380 fol. von ursprünglich 382 fol.). Nach paläographischen Gesichtspunkten würde der „Kodex Meknes“ ins 9. Jh. (vielleicht Ende des 8.Jh.) datiert werden; er wäre somit möglicherweise der älteste vollständige Kodex (in kufischem Schriftstil), der zwar nicht mehr als Original, aber immerhin durch die Photographien der Münchener Korankommission auf Agfa-Film nachweisbar ist. Kodizes im älteren Hijazi-Schriftstil sind, wie die Datenbank zeigt, nur in Fragmenten enthalten. Der an der Staatsbibliothek zu Berlin aufbewahrte Kodex Wetzstein (hochformatig und in einem späten Hijazi-Schriftstil) ist mit seinen 210 Blatt (von ursprünglich ca. 245-250 Blatt) sicher eine der ältesten noch erhaltenen, nahezu vollständigen Pergamenthandschriften des Korans überhaupt. Ein großes Forschungsdesiderat auf dem Gebiet der Textgeschichte des Korans stellt immer noch die Auswertung der jemenitischen Handschriftenfunde dar. Leider war es dem Akademienvorhaben nicht möglich, die Photographien der Handschriftenfunde, die ein deutsches Expertenteam in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts in Sanaa aufnahm, einzusehen und zu verwenden. Durch die Zusammenarbeit mit François Déroche und Christian Robin (Académie des Inscriptions et Belles-Lettres) werden sie jedoch gegenwärtig in einem von ANR und DFG geförderten Projekt (Coranica) ausgewertet. Die Aufnahmen der drei Pergamenthandschriften in Hijazi-Schrift wurden vor einigen Jahren von Christian Robin und Sergio Noja Noseda im Jemen angefertigt, finanziert aus Mitteln des ANR-Projektes (DATI „De l’antiquité tardive à l’islam“). Gegenwärtig werden die drei Handschriften von französischen und deutschen Wissenschaftlern für Faksimile-Bände der neuen bei Brill erscheinenden Reihe „Documenta Coranica“ aufbereitet. Bilder und Transliterationen der drei Handschriften werden mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung auch in der Datenbank Manuscripta Coranica öffentlich zugänglich sein. Zu den drei Pergamenthandschriften zählt auch eine Palimpsest-Handschrift, deren untere Schicht, die ausradiert und dann überschrieben wurde, im Rahmen des BBAW-Projektes rekonstriert werden konnte.

Die vorliegende Datenbank bildet auch hinsichtlich der Zusammenarbeit mit französischen Wissenschaftlern eine Schnittstelle, die eine Abstimmung wissenschaftlichen Arbeitens im Bereich der Textgeschichte des Korans erlaubt. Weiterhin werden Materialien für die weitere Forschung der gesamten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.